Für den Schattenbericht über Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Berlin, den die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) und das apabiz – Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V. im Mai 2008 zum zweiten Mal herausgegeben haben, hat amira Erscheinungsformen des Antisemitismus in Berlin des letzten Jahres sowie diesbezüglichen Debatten untersucht.
Hier eine Zusammenfassung des Artikels:
Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das sich nicht auf die vermeintlichen Ränder oder Extreme beschränkt. Sein wesentliches Motiv ist das Bedürfnis nach Erklärung, Lokalisierung und Personifizierung von Missständen im eigenen Lebensumfeld, aber auch im globalen Zusammenhang. Angesichts einer heute immer komplexer erscheinenden, sich schnell verändernden Welt voller vielschichtiger Probleme bekommt der Wunsch nach einem Sündenbock eine neue Aktualität. Das Finden von vermeintlich Schuldigen entlastet in den unterschiedlichsten ideologischen Lagern und Bevölkerungsgruppen von der eigenen Verantwortung für die Gestaltung der Welt. Die Anpassungs- und Integrationsfähigkeit des Antisemitismus macht eine eindeutige und klar abgegrenzte Zuordnung bestimmter Erscheinungsweisen zu einzelnen Trägergruppen unmöglich. Mal wird die antisemitische Perspektive religiös begründet, mal rassistisch, mal emanzipatorisch, mal kapitalismuskritisch – oder sie benötigt gar keine Begründung, weil das Einverständnis des Gegenübers vorausgesetzt wird.
Die letzten für Berlin erhobenen Daten zu antisemitischen Einstellungen stammen aus dem Jahr 2004, als 13% der Berliner/innen den Einfluss der Juden für zu groß befanden. In Bezug auf antisemitisch motivierte Straf- und Gewalttaten gibt es neuere Zahlen: Das Landeskriminalamt Berlin weist für 2007 weniger Straftaten mit antisemitischem Hintergrund auf als im Vorjahr, wohingegen sich die Zahl der Gewalttaten verdoppelt hat. Aus der den Artikel ergänzenden Chronik antisemitisch motivierter Vorkommnisse in Berlin, in der die Projektmitarbeiter/innen für 2007 61 Fälle gesammelt haben, geht hervor, dass sich verbale und körperliche Gewalt gegen Personen auf die Berliner Innenstadt konzentriert. Für viele jüdische Einrichtungen gehören Drohbriefe, -mails und –anrufe zum Alltag, genauso wie die Bewachung durch Polizei und Sicherheitsdienste. Schmierereien und Propagandadelikte wurden außer in Treptow-Köpenick und Steglitz-Zehlendorf in allen Berliner Bezirken dokumentiert. In Anbetracht der vielfältigen Erscheinungsformen und Verbreitungswege des aktuellen Antisemitismus stellen sowohl die in der Chronik zusammengetragenen Vorfälle als auch die Zahlen der Polizei jedoch nur einen begrenzten Ausschnitt der Realität dar.
Der Anschlag auf die Charlottenburger Kita «Gan Israel» im Februar 2007 löste in der Stadt eine Diskussion über die Frage aus, wie gefährlich Jüdinnen und Juden in Berlin leben. Weitere Debatten gab es 2007 z.B. über Antisemitismus in der DDR und auf Berliner Fußballplätzen; der Fokus der Medien (und zum Teil der Wissenschaft und Politik) lag jedoch wie schon in den Vorjahren auf antisemitischen Erscheinungsformen, die – zumeist jugendlichen – Migrant/innen mit arabischem bzw. «muslimischem» Hintergrund zugeordnet werden. Obwohl weiterhin die meisten Straf- und Gewalttaten gegen Jüdinnen und Juden von Rechtsextremen ausgehen, weisen die aktuellen Debatten die Tendenz auf, Antisemitismus aus den Reihen der Mehrheitsgesellschaft aus dem Blickfeld zu verschieben.
Neben einzelnen lokal ansetzenden Initiativen gibt es in Berlin mehrere Projekte und Einrichtungen, die im Jugend- und im Bildungsbereich gegen Antisemitismus aktiv sind, auf unterschiedliche Art und Weise Öffentlichkeitsarbeit zu diesem Feld bzw. zu einzelnen antisemitischen Vorkommnissen betreiben oder im Rahmen interkultureller, -religiöser oder -nationaler Begegnungen Antisemitismus thematisieren. Zu wünschen wäre nicht nur, dass diese vielversprechenden Ansätze sich in Zukunft etablieren können, sondern auch, dass jenseits von historisch orientierten Aktivitäten zunehmend zivilgesellschaftliche Initiativen entstehen, die sich auf einer konkreten und lebensweltbezogenen Ebene mit den Alltagsdimensionen von heutigem Antisemitismus auseinandersetzen und praktische Solidarität demonstrieren.
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