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Die Wahrnehmung des Nahostkonflikts...

… bei Jugendlichen mit palästinensischem bzw. libanesischem Hintergrund und ihren Zusammenhang mit Identitätskonstruktionen hat die Sozialwissenschaftlerin Sina Arnold im Auftrag von amira untersucht. Die Ergebnisse ihrer Studie, die auf dreizehn qualitativen Interviews mit männlichen Kreuzberger Jugendlichen mit palästinensischem bzw. libanesischem Hintergrund basiert, stellen wir Ihnen hier vor.

Die Wahrnehmungen des Nahostkonflikts waren bei den befragten Jugendlichen größtenteils von einer Sichtweise geprägt, die Juden/Jüdinnen bzw. Israelis als Aggressoren und Palästinenser/innen als unschuldige Menschen betrachtet. Dem Staat Israel wurden dabei in den meisten Fällen negative Eigenschaften zugeschrieben, sein Existenzrecht wurde ihm abgesprochen. Einige der Jugendlichen bezogen sich positiv auf die Hamas und befürworteten Selbstmordattentate, andere lehnten diese jedoch dezidiert ab.

Als Informationsquellen für ihr Wissen über den Nahostkonflikt gaben die Jugendlichen unter anderem arabischsprachige Fernsehprogramme an, einige benannten sogar einen Kausalzusammenhang zwischen dem Mediennutzungs-Verhalten und antisemitischen Einstellungen oder Handlungen. Als weitere Quellen wurden Debatten im Elternhaus und im Kreis von Freunden genannt. Besonders bei letzteren scheint in bestimmten Gruppen ein antisemitischer Konsens vorzuherrschen, der das Vertreten von anders lautenden Positionen erschwert. Unmittelbare Erfahrungen von Familienmitgliedern in der Region sowie religiöse Institutionen und Medien wurden vergleichsweise selten als Wissensquelle genannt. Interessant ist die Tatsache, dass auch die Schule nicht als wichtigste Instanz für die Vermittlung von Wissen dargestellt wurde.

Bilder von Jüdinnen und Juden wurden von den Jugendlichen am häufigsten – aber nicht ausschließlich – im Kontext von Gesprächen über den Nahostkonflikt geäußert. Sie sind hauptsächlich undifferenziert und negativ konnotiert, vor allem auch, weil zwischen Juden/Jüdinnen und Israelis kein Unterschied gesehen wird. Ein Teil der Interview-Partner vertrat darüber hinaus Verschwörungstheorien, die sich auf das Judentum beziehen, einige Jugendliche bezogen sich positiv auf den Nationalsozialismus.

Für die Selbstbezeichnung der befragten Jugendlichen kommt einer «arabischen» bzw. «palästinensischen» Identität eine wichtige Rolle und Funktion zu – gerade auch, was eine Positionsbestimmung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft angeht. Judenhass wird von einigen der Jugendlichen als Teil dieser (Minderheiten-) Identität gesehen, «die Juden» werden zum Gegenbild erklärt. Im Hinblick auf Dynamiken im Freundeskreis kann der Ablehnung von Juden/Jüdinnen eine stabilisierende, bisweilen sogar überhaupt Gemeinschaft stiftende Rolle zukommen.

In Bezug auf eine pädagogische Bearbeitung von antisemitischen Einstellungen unter Jugendlichen mit palästinensischem bzw. libanesischem Hintergrund leiten sich aus den Untersuchungsergebnissen Chancen, aber auch Hindernisse ab: Die identitätsstiftende Funktion antijüdischer Denkmuster für eine «arabische» bzw. «palästinensische» Identität sowie die Verknüpfung dieser Identitätskonzeptionen mit einer bestimmten Interpretation des Nahostkonflikts steht einer Auseinandersetzung mit Antisemitismus entgegen, da sie auf antisemitische Bilder zurückgreift. Als weitere Schwierigkeiten stehen Gruppendruck im Freundeskreis und die Wirksamkeit negativer Bilder im Raum, die vor allem aus arabischen Medien übernommen werden. Vielversprechend ist hingegen eine gezielte Unterstützung von Jugendlichen mit anti-antisemitischen Einstellungen. Weitere Zugänge zur Bearbeitung von Antisemitismus könnten sich über das kritische Hinterfragen von kollektiven Identitäten ergeben wie auch aus der Tatsache, dass die meisten der befragten Jugendlichen kein geschlossen antisemitisches Weltbild aufweisen. An Widersprüche in der Argumentation anknüpfend, können Pädagog/innen hier für Irritationen sorgen und so Ansatzpunkte für eine weitere Bearbeitung schaffen.

Den Artikel von Sina Arnold finden Sie hier:

Files:

Paläst.-liban._Jugendliche_und_NOK.pdf  [2007, Sina Arnold, 22 S.]  image/pdf  263.1 KB