Welche Rolle spielen aktuelle politische Debatten um Identität in der Türkei, in denen zuweilen auch antisemitische Stereotype benutzt werden, für die türkische Community in Deutschland? Auf Einladung von amira und dem Verein für Demokratische Kultur diskutierten Michal Bodemann, Soziologie-Professor an der University of Toronto, mit dem Berliner Schriftsteller Zafer Şenocak und mit Kemal Önel von der türkisch-jüdisch-deutschen Ülkümen-Sarfati-Gesellschaft aus Köln im Kreuzberg Museum über diese Frage.
Antisemitischen Äußerungen von Seiten türkischstämmiger Jugendlicher begegnen Pädagog/innen in der Praxis nicht selten mit dem Verweis auf gute jüdisch-muslimische Beziehungen im Osmanischen Reich, oder aber sie führen an, dass die Türkei während des Zweiten Weltkrieg Juden Asyl gewährt habe. Suggeriert wird dabei, dass Türkischsein sich mit Antisemitismus nicht vertrage. Ein Blick in die aktuellen politischen Debatten in der Türkei zeigt jedoch ein anderes Bild.
Angesichts der langen Geschichte der Nationenbildung, verbunden mit der Ausgrenzung oder Assimilierung weiter Teile der „nicht-türkischen“ Bevölkerung, ist die „türkische Identität“ noch immer umkämpft. So werden etwa Kritiker/innen, politische Gegner/innen oder Prominente mit dem Verdacht konfrontiert, sie seien so genannte „Dönme“. Damit sind Nachkommen von zum Islam konvertierten Jüdinnen und Juden (oder auch von Armenier/innen) gemeint, denen vorgeworfen wird, heimlich weiterhin die Religion ihrer Vorfahren auszuüben und gleichzeitig gegen die Türkei oder den Islam zu konspirieren – eine Unterstellung, mit der bereits der Staatsgründer Kemal Atatürk, aber beispielsweise auch Sertab Erener, die Gewinnerin des Grand Prix d’ Eurovision 2003, belegt wurden.
Während diese Debatten in der Türkei Teil einer nationalistischen Konstruktion der Mehrheitsgesellschaft sind, überkreuzen sie sich in Deutschland mit dem Selbstbild einer türkische Minderheit, die sich zuweilen an der Geschichte der jüdischen Minderheit abarbeitet. Gefragt werden sollte auf der Veranstaltung deshalb auch, in welcher Weise sich diese verschiedenen Dimensionen des „türkisch-jüdischen“ Verhältnisses in der pädagogischen und politischen Praxis überlagern und wie sie für identitätskritische Ansätze fruchtbar gemacht werden können.
Dass die Muslime, oder auch nur türkische Einwanderer/innen, nicht die Juden von heute sind, darin war sich das vom amira-Projektleiter Serhat Karakayali moderierte Podium im Kreuzberg Museum einig. Darüber hinaus gab es viel zu diskutieren, beispielsweise über die Bandbreite von Meinungen in der Türkei und unter türkischen Einwanderer/innen in Deutschland, die vom Antisemitismus bis hin zum Philosemitismus reichen. Auf eine solche positive Haltung türkischstämmiger Migrant/innen gegenüber Juden und Jüdinnen wies vor allem Michal Bodemann hin, der unter anderem zur Geschichte des deutschen Judentums arbeitet sowie der Art und Weise, in der türkische Einwanderer sich zu dieser Geschichte ins Verhältnis setzen: Weil es kaum Erfahrungen mit der Integration von Einwanderer/innen in Deutschland gebe, nähmen sich insbesondere die türkischen, aber auch andere Einwanderergruppen die Praxis von Juden und Jüdinnen als Vorbild. Als Beispiel nannte der das Schächten: Vertreter/innen muslimischer Organisationen bewunderten nicht nur die vermeintliche Einigkeit der Juden, sondern auch, dass es ihnen gelungen sei, ihre religiöse Praktiken durch deutsche Behörden anerkennen zu lassen. Juden stünden, so Bodemann, als „die Minderheit schlechthin“ da.
Zafer Şenocak, der sich sich vor allem in seinem Roman " gefährliche Verwandtschaft" intensiv mit dem türkisch-jüdischen Verhältnis in Deutschland und der Vorbildfunktion der jüdischen Kultur und Gemeinschaft für die türkische Community in Deutschland beschäftigt hat, betonte mit Nachdruck, dass die Situation der türkischen Einwanderer/innen und anderer Minderheiten in Deutschland zu keiner Zeit mit der von Jüdinnen und Juden nach 1933 vergleichbar sei. Parallelen bestünden vielmehr zu Integrationsdebatten im Deutschland des 19. Jahrhunderts auf dem Weg zur modernen Nation, namentlich zur Debatte um die sogenannte “Judenfrage”. Die damals von breiten Kreisen vertretene Anschauung, nach der Jüdinnen und Juden nicht Deutsche sein könnten, so Şenocak, erinnere an so manchen Beitrag in der aktuellen Diskussion. Parallelen sieht er auch zur Geschichte der Türkei: Deutschland und die Türkei, zwei späte Nationen, seien beide immer noch auf der Suche nach der passenden Identität. Der große Unterschied, die “Fallhöhe”, wie der Schriftsteller es nennt, zwischen dem türkischen und dem deutschen Nationalverständnis sei ganz deutlich mit den Verbrechen des Nationalsozialismus in Zusammenhang zu bringen: Kein anderes Land habe ein derart gebrochenes und kritisches Verhältnis zur nationalen Identität. Türk/innen, die – dies wurde auch aus dem Publikum hervorgehoben – in allen drei Phasen des türkischen Schulsystems eine ausschließlich heroische Nationalgeschichte aufgetischt bekommen haben, fiele es entsprechend schwer, sich an das deutsche Identitätskonstrukt zu gewöhnen.
Kemal Önel von der “Ülkümen-Sarfati-Gesellschaft”, die sich um gegenseitige Anerkennung und Austausch muslimischer und jüdischer Türken untereinander und im Verhältnis zur deutschen Mehrheitsgesellschaft bemüht, unterstrich diesen Aspekt: Um aus einem Vielvölkerstaat wie dem Osmanischen Reich eine Nation zu machen, wurde und wird bis heute homogenisiert – auf Kosten der Minderheiten. Dabei vermische sich der Überlegenheitswahn, der auf diese Weise entsteht, mit Minderwertigkeitskomplexen (wieder sei man an Deutschland erinnert) und Verschwörungstheorien, nach denen die halbe Welt gegen eine/n selbst ist. Identität, so verdeutlichte dieser streckenweise äußerst unterhaltsame Abend, ist für vieles gut – auf jeden Fall ist sie immer vieldeutig. So wiesen Kemal Önel und Zafer Şenocak darauf hin, dass beispielsweise viele Türk/innen aus einem anti-arabischem Ressentiments heraus Bewunderung für Israel äußern, gleichzeitig aber die gesamte Elite der Türkei als so genannte “weiße Türken” betrachten können, das heißt als Angehörige von Minderheiten, die in Wirklichkeit die Geschicke des Landes lenken würden.
Ob sich antisemitische Einstellungen unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus solchen Diskursen speisen, oder ob sich daraus das „Gegengift“ gewinnen lässt, blieb an dem Abend offen. Zurückgewiesen wurde, auch von türkischen Stimmen aus dem Publikum, jedoch die These, dass es allein die Diskriminierung der Einwandererkinder sei, die sie zu solchen Einstellungen verleite.
Wie danken dem Türkischen Bund Berlin-Brandenburg für seine Unterstützung der Veranstaltung.
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