Unter dem Titel “Antisemitismus – ein Problem ‘der Anderen’?” lud amira am 21. Februar 2008 alle Interessierten zur Auftaktveranstaltung des Projektes in die Kreuzberger Jugendeinrichtung “NaunynRitze” ein. Nach einer kurzen Projektvorstellung diskutierten vier Gäste auf dem Podium über die Frage, wie Antisemitismus im Kontext von Migration und Rassismus thematisiert und bearbeitet werden kann, ohne allein bestimmte Bevölkerungsgruppen für ihn verantwortlich zu machen.
In den Debatten um die aktuellen Erscheinungsformen von Antisemitismus rückten seit 2002 vor allem Migrant/innen aus mehrheitlich muslimischen Ländern in den Fokus der Auseinandersetzung. Sie wurden in zahlreichen Diskussionsbeiträgen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen als (die) neue Träger/innen-Gruppe antisemitischer Denk- und Verhaltensweisen identifiziert. Im Kontext der deutschen Einwanderungsgesellschaft kann dies zu einer Ausblendung von Antisemitismus, Rassismus sowie Diskriminierungsformen seitens der Mehrheitsgesellschaft führen. Andererseits immunisiert das Ausgegrenztsein in der deutschen Gesellschaft jugendliche Migrant/innen nicht davor, selbst feindlich gegenüber anderen Gruppen eingestellt zu sein. Somit stellt sich die Frage, wie dem Phänomen Antisemitismus im Kontext von Migration und Rassismus begegnet werden kann, ohne es auf ein Problem «der Anderen» zu reduzieren.
Das Ziel der Podiumsdiskussion bestand darin, die Möglichkeiten, Kontexte und Grenzen einer nicht stigmatisierenden Bearbeitung von Antisemitismus näher zu beleuchten. Moderiert von Koray Yılmaz-Günay, dem Projektleiter von amira, tauschten sich Hakan Aslan (Kinder- und Jugendeinrichtung DTK Wasserturm), Barbara Schäuble (Pädagogische Hochschule Freiburg),
Eva Savelsberg (Europäische Zentrum für Kurdische Studien – Berliner Gesellschaft zur Förderung der Kurdologie e. V.) und Saliha Erdmann (Diplom-Psychologin) über das Ausmaß des Problems sowie mögliche Lösungsansätze auszutauschen. Vorab widmete sich die Diskussion den Problemwahrnehmungen und den Kontexten bzw. Themenzusammenhängen, in denen Antisemitismus für jugendliche Migrant/innen funktional wird.
Die Veranstaltung stieß auf sehr reges Interesse. In einem Bezirk wie Friedrichshain-Kreuzberg, in dem in der Vergangenheit Diskussionen über dieses Thema zum Teil sehr polarisierend geführt worden sind und es in der Regel nicht erreicht werden konnte, eine stigmatisierende Einteilung von Gruppen in «Täter» oder «Opfer» nachhaltig aufzubrechen, kann diese Veranstaltung daher als ein positives Zeichen gesehen werden. So begrüßten nahezu alle anwesenden Vertreter/innen aus Migrant/innen-Organisationen, Sportvereinen, Jugendeinrichtungen, Wissenschaft und dem Bezirk sowie von anderen Bildungsträgern und Projekten den Ansatz von amira, eine sensible Differenzierung von Zielgruppen nach Bevölkerungsgruppe, Migrationshintergrund, Geschlecht, sozialer Situation und Alter vorzunehmen. Erst ein tieferes Verständnis für die Kontexte und Situationen, in denen antisemitische Äußerungen fallen, kann mögliche Zugänge für eine Bearbeitung aufzeigen.
Mit dieser Veranstaltung ist es somit gelungen, eine erste Basis für eine gelingende Auseinandersetzung mit dem Phänomen Antisemitismus zu legen, auf der das Projekt amira in den nächsten zweieinhalb Jahren aufbauen kann.
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